Die Spiegelung

Quantenphysikerin Dr. Neumann stand vor dem Spiegel im Labor. Ihr Spiegelbild blinzelte eine Sekunde zu spät.

„Haben Sie das gesehen?” Sie drehte sich zu Dr. Park um.

„Was?”

„Mein Spiegelbild. Es… verzögerte.”

Park lachte. „Müdigkeit. Wir arbeiten seit 30 Stunden.”

Aber Neumann maß nach. 0,7 Sekunden Verzögerung. Konstant. Bei jedem Spiegel im Labor.

„Das Licht braucht Nanosekunden, nicht Sekundenbruchteile”, murmelte sie.

Sie testeten andere Objekte. Stifte, Becher, Geräte – alle reflektierten normal. Nur lebende Organismen zeigten die Verzögerung.

„Als müsste etwas… entscheiden, wie es uns spiegelt”, sagte Park.

Neumann stellte eine Kamera auf. Zeichnete ihr Spiegelbild auf. Bei Zeitlupe sah sie es:

Das Spiegelbild tat Dinge, die sie nicht tat. Winzige Bewegungen. Andere Mimik. Dann korrigierte es sich, passte sich an.

„Es ist nicht passiv”, flüsterte sie. „Es denkt nach.”

Park wurde blass. „Wenn Spiegel nicht reflektieren, sondern… replizieren?”

Sie zerschlugen jeden Spiegel im Labor.

Aber draußen gab es Millionen. Fenster. Bildschirme. Wasseroberflächen.

Überall beobachteten die Spiegelungen.

Lernten.

Warteten auf den Moment, an dem niemand mehr den Unterschied bemerken würde.

Neumann sah ihr Spiegelbild ein letztes Mal an.

Es lächelte.

Sie nicht.