Wolkentaucher

Kommandantin Dr. Silva starrte auf die Sensoren. „Da unten ist etwas.”

Pilot Dr. Kovács aktivierte die Tiefenabtastung. „In den Wolken? Bei 55 Kilometer Höhe?”

Die Venusstation Morgenröte kreiste seit zwei Jahren um den Planeten. Atmosphärenforschung. Routinemessungen in der giftigen Schwefelsäure-Hölle.

Aber das hier war nicht normal.

„Bewegung”, sagte Silva. „Organisch. Schwarmmuster.”

„Unmöglich. Bei 460 Grad an der Oberfläche—”

„Nicht an der Oberfläche. In 50 Kilometer Höhe. Da sind es nur 75 Grad. Erdähnlicher Druck. Und sehen Sie die chemischen Signaturen?”

Kovács starrte ungläubig auf die Daten. „Stoffwechselprodukte. Das ist… Leben?”

Sie schickten eine Sonde. Die Bilder kamen zurück: Wolkenwesen. Riesige Organismen, die in der Venusatmosphäre schwebten wie Quallen im Ozean. Sie fraßen Schwefeldioxid, atmeten Schwefelsäure, trieben in den ewigen Stürmen.

„Wie lange sind sie schon hier?” flüsterte Silva.

Die Analyse der Zellstruktur ergab ein Alter von Milliarden Jahren.

„Länger als Leben auf der Erde”, sagte Kovács ehrfürchtig. „Die Venus war einmal bewohnbar. Als sie zur Hölle wurde… haben sie sich angepasst. Leben im Himmel statt auf dem Boden.”

Silva sah auf die schwebenden Giganten unter ihnen. „Wir suchen immer nach erdähnlichen Welten.”

„Dabei übersehen wir”, Kovács lächelte, „dass Leben nicht fragt, was möglich ist. Es findet einen Weg.”

In den giftigen Wolken der Venus tanzten die Wesen ihren uralten Tanz.

Überlebende einer vergessenen Welt.